volatile

(Text: Christian Bazant-Hegemark)

Kern der Ausstellung ist eine Serie bisher ungezeigter, großformatiger Portraits, in denen die Flüchtigkeit zwischenmenschlicher Begegnungen thematisiert wird. In den Arbeiten bricht Kiessling die klassische Portrait-Tradition durch sichtverhindernde Verschiebungen („Shifts“) auf, wodurch der ursprüngliche Zweck der Portraits zerrüttet wird: der tradierte Topos wird stattdessen zum Darstellungsvehikel zeitgenössisch-digitaler Bildsprachlichkeiten, und verbindet etwa Aspekte der Rotoskopie und des Datamoshings.
Die Arbeiten weisen einen hohen Grad handwerklicher Perfektion auf, die sich durch Kiesslings Interesse an digitalen Bildmodulierungen stetig von einer klassischeren Portraitkunst entfernen, bzw. diese nachhaltig in Frage stellen und erweitern. Wo Portraitkunst die Illusion von Permanenz zelebriert, wird in den gezeigten Arbeiten vor allem die Flüchtigkeit zeitgenössischer Abbildungssysteme thematisiert.

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The exhibition focuses a series of large scale portraits circling volatile aspects of interpersonal encounters. Using shift effects that get in the way of seeing the portrayed people, Alex Kiessling breaks open the classical portrait tradition, subverting its original purpose. The tradition thus changes into a medium used to discuss contemporary digital imaging, connecting aspects of rotoscoping and data moshing.
The works offer a high degree of perfection, while questioning the art of portraiture. It also makes obvious the artist’s interest in digital image manipulation – instead of celebrating the portrait’s illusion of permanence, the work’s central theme seems the volatility of contemporary depicting systems.
With the new series, Kiessling departs from his previous series of hyper real portraits, which focused traumatic aspects of everyday settings. The new work seems stronger, stricter, more adamant – having disposed of the previous work’s backgrounds, it’s now solely the remaining people that operate within the canvases. At the same time, the shifts prevent any kind of visual clarity – the depicted people remain invisible, the visual effect surrounding them being the only thing to witness.

Shifts

(Text:Günther Oberhollenzer)

Unsere Alltagswahrnehmung wird in verstärktem Maß durch eine Überflutung mit Bildmaterial bestimmt, wir sind ständig zahllosen digitalen Bildern ausgesetzt. Die Malerei kann, so meine Überzeugung, eine Art Entschleunigung gewährleisten, sie ermöglicht – ob als Künstler beim Malen oder als Betrachter – ein Innehalten inmitten dieser Bilderflut. Das ist etwas, das ich gerne über die Malerei erzähle.
Alex Kiesslings neue Arbeiten bringen mich hier aber etwas in Verlegenheit. Denn wenn ich vor seinen Malereien stehe, gerät dieser Gedanke ins Wanken. Kiesslings Bildnisse verweigern nämlich mit großer Vehemenz ein Innehalten, eine Fokussierung, eine Konzentration des Blickes. Ganz im Gegenteil. Sie lassen den Blick unruhig werden – auf der Suche nach einem Bezugspunkt, einem Fluchtpunkt, einer ruhigen Stelle tasten wir die Gesichter ab, ohne jedoch einen Ruhepol zu finden. Aber nicht nur das Auge ist in Bewegung: Die Malereien fordern ein Betrachten aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus. Wir ergehen das Bild, tanzen herum, auf das Bild zu, dann wieder weg, schaut es schräg von den Seiten an… Ja, ich glaube, gerade durch die variierten Distanzen und Sichtpositionen werden die Malereien lebendig.
„Statik und Dynamik“, so Kiessling, bestimmen immer wieder seine Arbeit. Wir kennen die „Head spins“ von 2010 – Köpfe, die er aus unterschiedlichen Perspektiven neben- bzw. hintereinander dargestellt hat – von Vorne, von der Seite – Köpfe, die sich hin und her bewegen, aber dennoch statische Bewegungsabläufe bleiben (so widersprüchlich das klingen mag), da durch die Malerei konserviert, festgehalten, verewigt.
Bei den hier zu sehenden, neuen Abbildern menschlicher Köpfe scheint Kiessling genau dieses Problem aufbrechen zu wollen: indem er mehrere, normalerweise übereinanderliegende Farb- bzw. Lasurebenen aufgespaltet und auseinanderzieht, entsteht eine spannungsvolle Dynamik, ein optisches Rauschen, das den Betrachter im Unklaren lässt, ob sich das Motiv gerade zusammensetzt oder in Auflösung befindet. Die Bilder scheinen einen Moment darzustellen, der ein Davor und Danach mit einschließt. Zeit komprimiert im Medium der Malerei.
Und es ist eine Bewegung, die sich verselbstständigt. Doch es ist nicht der Mensch bzw. der Kopf, der sich bewegt, sondern vielmehr dessen Abbild. Das gemalte Bild ist verwackelt, unser Blick darauf gestört. Die Bilder flimmern, sind scharf und unscharf zugleich. Man kann den Blick nicht konzentrieren, das Bild festhalten, es kippt immer wieder weg, entgleitet.
Die Porträts – in feinen Lasurschichten gemalt, reduziert, vor weißem Hintergrund – sind weniger plastisch als frühere Arbeiten, sie sind transparenter, auch zarter. Die frühere Körperlichkeit ist stärker zurückgenommen, die Flächigkeit wird wichtiger. Die aufgesplitterten, sich überlappenden Farben lassen dabei an jenen Farbeindruck denken, den man erhält, wenn „weißes Licht“ durch ein Prisma in seine Spektralfarben zerlegt wird. Sie erinnern aber auch in ihrer technischen Ausführung an Filmstills / Filmbilder, die sich verschieben, die übereinander / nebeneinander liegen.
Kiessling ist, wie er selbst sagt, ein „perfektionistischer Künstler“, alles muss ganz genau gemalt sein, „ich habe gerne die Schatten, wo sie hingehören“. Er liebt das Präzise, das Exakte; aber er versucht, etwas Zwänglerisches zu vermeiden. Es ist ein Kampf zwischen dem Realistischen, dem Nicht-Verlassen-wollen der Figur und dem Zulassen des Malerischen, des Zufälligen.
Seine Bilder faszinieren ob ihrer technischen Präzision aber gerade in den neuen Arbeiten lässt er auch immer wieder – und das gefällt mir sehr gut – das leicht Unfertige, das Unperfekte zu. Spuren des Malvorgangs, Schlieren und feine Rinnspuren sind zu sehen, Pinselstriche wie Übermalungen erkennbar. Besonders schön gelungen ist dies bei den Aquarellen: Details verschwimmen, Körperformen werden ungenau, „das Wasser arbeitet und malt mit“.
Die Köpfe waren immer Vorstudien für größere, erzählerische Arbeiten. Doch diesmal löst sich Kiessling vom Studiencharakter, die Köpfe sind das Hauptthema der Ausstellung und konsequent, stringent umgesetzt. Der Künstler stellt sich dabei grundlegende Fragen: Wie nehmen wir unsere Existenz wahr? Oder: Wohin bewegen wir uns? Nicht eine rein physische Erscheinung der Dargestellten hat Bedeutung, sondern vielmehr eine emotionale, vom Körper losgelöste Präsenz. Ein Gefühl, ein Moment, vielleicht auch ein nicht greifbare Erinnerung…
Es scheint beinahe so, als ob der Künstler in den porträthaften Abbildern das Hektische unserer Zeit übertragen oder einfangen möchte, Darstellungen, die aber diffus bleiben. Seine Malereien sind damit auch Sinnbilder für das unsichere Heutige, das wir nicht mehr fixieren, festhalten, genau definieren können.
Apropos Zeit: Immer wieder wird die „Zeitmäßigkeit“ und „Modernität“ der Malerei hinterfragt, oder es wird zumindest versucht, diese klassische Gattung der Bildenden Kunst gegenüber den neuen Medien als überholt und antiquiert zu überführen. Auch in jüngerer Zeit sind über die Sinnhaftigkeit und die Zukunft der Malerei kontroverse Diskussionen geführt worden. Eigentlich ein alter Hut, denn in den letzten hundert, ja zweihundert Jahren wurde die Malerei schon mehrmals für tot erklärt und immer wieder behauptet, dass sie keinen Platz mehr in der Gegenwart hat.
Mit dem Aufkommen der Fotografie im 19. Jahrhundert glaubte man, die Malerei würde über kurz oder lang verschwinden. Doch das Gegenteil war der Fall. Durch die Erfindung der Fotografie konnte sie sich vom „Ballast“ des Abbildes befreien. Das Interesse verlagerte sich vom Motiv auf die Malweise, das Bild wurde ein zweidimensionales Feld, in dem eine Ordnung von Formen und Farben relevant ist – eine parallele Realität zur Welt. Und so kann auch in unserer Zeit die Malerei in Dialog mit der Gegenwart ihre eigenen Wege des Ausdrucks suchen, sich von den neuen Medien inspirieren lassen oder sich auf ihre ureigenen Stärken berufen.
Zurück zu Kiessling. Er erschafft eben genau Malereien, die sehr im Heute verhaftet sind, bei der ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand vor 50 Jahren so gemalt hat. Er reagiert im klassischen Medium des Leinwandbildes auf Unsicherheiten und Fragen unserer Gegenwart, auf eine multimediale Gesellschaft, in der wir täglich von tausenden Bildern bombardiert werden, die es uns schwer machen, unseren Blick zu konzentrieren, zu schärfen, er reagiert auf eine virtuelle Welt, voller Fotos, Filmen und Informationen, in der wir kaum noch einen Überblick bekommen…
Und ich glaube gerade heute, in solch einer technisierten Welt, wächst wieder das Bedürfnis der Menschen nach gemalten Bildern, nach dem analogen, greifbaren Original, steigt die Nachfrage und Sehnsucht nach Authentizität und der Persönlichkeit des malenden Künstlers. So wie jene von Alex Kiessling.
et.

Environments

In a fast growing bubble of dreams and reality the urban space explodes in all directions. The environment for the existence of life is changing rapidly into something different. This process of transformation massively affects the behavior and the habits of human beings. Especially the psyche of the individual has to cope and prevail over increasing requirements of its surrounding. A new term that appears in the dawn of the 21st century frequently is “fragmented identity”. It describes a state of existence in which we have to combine different and highly developed parts of our identity at the same time and switch between them permanently. There is not one “world” anymore, but there are dozens of parallel-worlds and most of them are virtual.
In my work I concentrate on dreams and all kinds of dreamlike structures and explore its borders and bridges to reality. I try to visualize the “no men`s land” between the absurdity in our existence and the concrete concerns that come with our human mind or spirit. I am fascinated by the interacting vibrations between virtual reality, dreams and the basic common ground of our world`s so called reality.


statement 2 - the impact

In short, I would define the foundation of my artistic work as being the examination of the complexity of man’s levels of existence. How do positions within a society come about, how do we define our identity, where does individuality begin and where does it end, how and why are status symbols used in the everyday global consumer culture, how is the interaction between the subconscious and the conscious both as an individual and in a crowd, and to what degree do dreams bridge the communication gap between the aforementioned poles of our existence? Regarding the question about dreams, I differentiate between 3 various, yet strongly related orientations: firstly, personal dream sequences during sleep, then medial sequences which can trigger dreams or induce “hopes (goals)”, and finally systems which present dream-like structures, such as video games and virtual realities, which function as “alternate worlds”. These 3 categories most clearly reflect mans’ desires, fears, and drives, and they provide the subconscious motives and matters of our lives with a meaningful manifestation and simultaneously with a language that, through its structured sounds, makes these matters able to be recognized and interpreted.
As an artist, I do not try to provide answers to these questions, but instead use the fascination these questions leave behind as a foundation and driver for my artistic creation. The ideas and aesthetics of my paintings therefore result from a process of perceiving the world around me. To put it poetically, it’s as if I would inhale the abundance that is our world and my paintings then emanate from the resulting reality (the worlds) “high”.

Als Unterbau meiner künstlerischen Arbeit würde ich, kurz gefasst, die Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit menschlicher Daseinsebenen bezeichnen. Wie stellen sich Positionen in einer Gesellschaft dar, wie definieren wir unsere Identität, wo beginnt Individualität und wo endet sie, wie und warum werden Statussymbole in der globalen, konsumorientierten Alltagskultur verwendet, wie steht es um die Wechselwirkung zwischen Unbewussten und Bewussten im einzelnen und in der Masse, und wie weit sind Träume Kommunikationsbrücken zwischen diesen beiden genannten Polen unseres Erlebens? Bei der Frage nach den Träumen unterscheide ich zwischen 3 verschiedenen, aber stark verwandten Ausrichtungen. Zum einen , persönliche Traumsequenzen während des Schlafes, dann mediale Sequenzen die Träume auslösen oder „Wunschträume(Ziele)“ erzeugen können, und zuletzt Systeme die traumartige Strukturen aufweisen, wie Computerspiele und virtuelle Realitäten, die als „Ersatzwelten“ fungieren. Diese 3 Kategorien spiegeln die Sehnsüchte, Ängste und Triebe der Menschen am deutlichsten, beziehungsweise geben sie den unbewussten Motiven und Inhalten unseres Lebens eine sinnliche Erscheinungsform, gleichsam einer Sprache, die durch ihr gegliedertes Laute und Symbolsystem erst Inhalte deutlich erkennbar und interpretierbar macht.
Als Künstler versuche ich nicht Antworten auf diese Fragen zu geben, sondern verwende die Faszination, die sie hinterlassen als Fundament und Triebkraft für mein künstlerisches Schaffen. Bildidee und Ästhetik meiner Malerei resultieren somit aus einem Prozess der Aneignungen der mich umgebenden Welt. Poetischer ausgedrückt ist es als ob ich die Fülle der Welt inhalieren würde und aus dem Rausch den die Realität hinterlässt (die Welten) meine Bilder entspringen.


Statement

“Embedded in the ‘anchored’ hinges of reality lies the individual’s dream, which carries the desire for immortality deep within itself. In my work, I deal with the mind’s demand for eternity and the collapse of the organic, the behaviors associated with this collapse, and the possible alternatives within existence. At the same time, the intersections and contact levels depict the focus of my interest: the existence between reality and dream; between the truth, which is able to be experienced individually, and the irrational.
In the static scenes of my paintings, the protagonists remain mostly resident between the glaring colorfulness of virtual realities and darkness, which is inherent in most of our dream sequences and memories. Both of these worlds are paramount due to their systematic character, which is connected to the simulative, and are projection surfaces of the human psyche.
Wishful thinking and nightmarish fears collide with equal power into each other and, directly through their contrasts, clarify the tragedy of man.”


"Eingebettet in den "festen" Angeln der Realität liegt der Traum des Individuums, der den Wunsch nach Unvergänglichkeit tief in sich trägt. Mit diesem Ewigkeitsanspruch des Geistes und dem Zerfall des Organischen, der damit verbundenen Umgangsformen und möglichen Alternativen des Daseins, beschäftige ich mich in meiner Arbeit. Dabei stellen die Schnittpunkte und Berührungsebenen der Existenz zwischen Realität und Traum, zwischen individuell erfahrbarer Wirklichkeit und Irrationalem, den Focus meines Interesses dar.
Die Protagonisten in meinen Bildern verharren meist in statischen Szenen, angesiedelt zwischen der grellen Farbigkeit virtueller Realitäten und einer Dunkelheit, die den meisten unserer Traumsequenzen und Erinnerungen inhärent ist. Beide dieser Welten sind vorrangig duch ihren systematischen Charakter des Simulativen verbunden und sind Projektionsflächen der menschlichen Psyche. Wunschvorstellungen und alptraumhafte Ängste prallen gleichermassen aufeinander und verdeutlichen gerade durch ihre Kontraste die Tragödie des Menschen."